Trekking in Nepal


Trekking im Anapurna Nationalpark (20.3. -14.4.2003)
Von schneebedeckten Gipfeln, steinigen Gebirgswuesten und gefrorenen Seen, von lastenschleppenden Maennern, waeschewaschenden Frauen und verrotzten Kindern, von blutenden Eseln, riesigen Greifvoegeln und bruellenden Yaks, von wogenden Gerstenfeldern, reifen Orangen und bluehenden Rhododendronwaeldern will ich euch erzaehlen.
Unsere Reise um die Anapurnas, ein Massiv aus sechs Gipfeln, nimmt ihren Ausgang in Besisahar, einer kleinen Stadt mit staubigen Strassen, einer Reihe von Hotels und kleinen Geschaeften. Wir erreichen den Ort nach einer fuenfstuendigen Busfahrt von Pokhara und werden als erstes zu einem Checkpoint gerufen, wo wir unsere Trekkingpermits vorweisen muessen und alle Daten aufgeschrieben werden. Diese laestige Prozedur werden wir in den meisten groesseren Orten entlang des Weges ueber uns ergehen lassen muessen. Endlich koennen wir los und so tauchen wir gespannt in das Abenteur das vor uns liegt. Wir sind gut ausgeruestet mit Kocher und Toepfen, Reis, Linsen und Muesli. Ploetzlich braust ein Jeep an uns vorbei, ich sag noch, zumindest kann hier kein Bus mehr fahren...kaum ausgesprochen, kommt uns ein hochgelegtes Blechvehikel voll mit Nepalesen entgegen. Die Huegel um uns sind terrassiert, aber die Felder liegen noch brach. Der Fluss, den wir begleiten, schaeumt tuerkis-milchig zwischen schwarzen Steinen. Die Nacht verbringen wir in Sera, nur eine Stunde von Besisahar, bei einer Frau namens Sita. Wir duschen uns im Fluss (zum ersten und fast letzten Mal) und trocknen uns in der Nachmittagsonne.
Sera - Bahundanda. Am naechsten Morgen fruehstuecken wir in einem kleinen 'Gasthaus' entlang des Weges. Wir bestellen Milchtee und muessen ein Weilchen warten, bis der Wirt seine Kuh gemolken hat. Dann folgen wir immer dem Fluss, umgeben von Feldern. Auf der anderen Seite des Flusses springen Affen in den Baeumen.
In Bahundanda bekommen wir unsere erste Lektion: Wir ziehen in ein luxurioeses Hotel mit dem Namen Superb View und gehen dann in ein billigeres Gasthaus essen. Dafuer werden wir nicht gerade freundlich aus dem Hotel geschmissen, weil erwartet wird, dass man im gleichen Hotel isst wo man schlaeft. Das ist auch nachvollziehbar, denn das meiste Geld machen die Hotelbesitzer mit dem Essen. Allerdings hat uns das niemand vorher gesagt...
Bahundanda - Jagat. Jagat - Karte. In den naechsten Tagen treffen wir immer wieder die gleichen Leute entlang des Weges. Unter anderem einen Amerikaner und seinen Sohn, fuer die eine ganze Karawane an Traegern, ein Koch und ein Fuehrer arbeiten. Sie schleppen Campingequipment und Essen fuer den ganzen Trek mit. Ein Porter traegt oft mehr als 50 kg. Und das sind nur die Porter, die von Touristen angestellt werden. Viele andere knochenduerre Maenner werden per kg bezahlt, das sie in die Berge schleppen. Sie tragen Metallteile von Bruecken, Bier, lebende Huehner in Drahtkisten, Buttercracker und viele Luxusartikel fuer Touristen. Die Dinge sind in Koerben aus Bambus verstaut oder an Drahtroste geschnuert und werden mit einem Riemen um den Kopf getragen. Die anderen Traeger sind Esel und Maultiere, die von einem Eseltreiber mit Pfiffen, Schreien und Schlaegen von hinten angetrieben werden. Ein Esel traegt ca. 100 kg. Die Leittiere tragen schwere Glocken um den Hals, so ist eine sich naehernde Gruppe von Eseln unueberhoerbar. Am Abend werden ihnen die hoelzernen Tragegestelle abgenommen und dann sieht man die kreisrunden, blutigen Wunden an den Druckstellen. Dutzende Esel sind Tag fuer Tag unterwegs und daher begleitet uns staendig der 'Duft' ihrer Exkremente.
Wir kommen ins Gespraech mit den Amerikanern und werden schliesslich zu einem koestlichen Mittagessen eingeladen. Es ist eine Genuss nach all dem Dal Bhat (Reis, Linsen und Kartoffeln), Chowmin (Gebratene Nudeln) und den Chapatis (Brotfladen), die auf unserem taeglichen Speiseplan stehen.
Bisher fuehrte unsere Weg durch ein offenes Tal mit terrassierten Haengen und kleinen ineinandergeschachtelten Doerfern. Unter Strohdaechern werden Rinder und Bueffel gehalten, Ziegen sind in Nischen angeleint. Die Bauern bringen Farn und Zweige als Viehfutter aus den wenigen Waldstuecken. Heu und Stroh gibt es nur wenig, der Winter ist zu Ende, aber noch dauert es bis zur Ernte. Viele Felder sind noch nicht einmal bestellt. Aber in dieser Hoehenlage gibt es noch Bananen und ein paar Rhododendren mit roten Blueten.
Karte - Koto Qupar. Am fuenften Tag verlassen wir fruehmorgens unser wunderschoenes Quartier mit Fenstern zu drei Himmelsrichtungen und Blick auf eine Haengebruecke. Zuerst hab ich das Gefuehl keinen Schritt mehr gehen zu koennen, aber es bessert sich und wir steigen an diesem Tag von 1850 auf 2600 m auf. Das steilste Wegstueck fuehrt durch eine enge Schlucht, ein unglaublicher Wasserfall stuerzt in sie hinein, und endet in einem kleinen Ort. In einem Teehaus essen wir unser erstes tibetisches Brot. Dieses Brot wird in Fett herausgebacken und schmeckt warm einfach himmlisch. Teehaeuser gibt es an allen Ecken und Enden, oft dort wo man nichts erwartet. Davor gibt es entweder eine Steinmauer oder Holzbretter, die eine Stufe in huefthoehe bilden. So kann man bequem seinen Rucksack abstellen.
Hoeher und hoeher geht es hinauf. Die Landschaft aendert sich rasch, Rhododendron und andere Laubbaeume werden von Pinus abgeloest. Die Foehren werden geschlaegert und auf mannshohen Geruesten von jeweils zwei Maennern haendisch in Bretter zersaegt. Unsere Nasen werden von dem Duft nach frischem Nadelholz verwoehnt, der den Geruch nach Eselmist ueberdeckt. Zu unserer Linken liegt ein Gletscherbuckel ueber einem runden Berg aus glattem Fels. Das Grau geht nahtlos ins Weiss ueber, kein Riss ist sichtbar ueber den jemals ein Kletterer diesen Berg haette bezwingen koennen.
In einem kleinen Ort bleiben wir ueber nacht und sind mit einer schraegen Deutschen die einzigen Gaeste im Hotel.
Koto Qupar - Dhukure Pokhari. Auf pinusnadelbestreuten Wegen wandern wir federnd dahin, der milchige Fluss unter uns, gegenueber auf der Schattseite Schneereste des Winters. Bei einer Quelle, die direkt aus dem Berg stroemt, packen wir zum ersten Mal unsere Kochtoepfe aus. Ich muss sagen, beruehmt wurde das Essen nicht... Der Abend wird kalt und ich habe alles an, was ich mitgenommen habe. Dabei sind wir erst auf 3000m, wie wird es auf 4000 und mehr werden?
Dhukure Pokhari - Ghyaru (3670). Was fuer eine Landschaft! Die Anapurnas begleiten uns heute den ganzen Tag, zuerst von Wolken bedeckt, dann strahlend weiss in der Sonne. Wir nehmen einen Weg parallel zur Hauproute, der uns hoeher hinauf fuehrt und somit weg von den meisten Touristen. Vor dem Aufstieg zu Gyaru kochen wir im Schatten von ein paar Foehren. Wir kochen und kochen. Nach einer Ewigkeit sind die Linsen und der Reis immer noch nicht durch. Kein Wunder, dass die Leute hier ueberall Druckkochtoepfe verwenden. Mit schweren Baeuchen machen wir uns dann an den Aufstieg. Schritt fuer Schritt, das ist eine wahre Geduldsprobe. Der Pfad schlaengelt und schlaengelt sich endlos. Aber dafuer steigen wir immer weiter ueber die Landschaft unter uns. Aus dem milchigen Fluss wird ein silbernes Band. Die Hauptroute ist ein brauner Strich in der Bergflanke gegenueber. Um uns ist eine Wueste aus Stein und nur die Strommasten, die mit uns den Berg erklimmen, versprechen uns ein Dorf irgendwo dort oben. Die Stromkabel begleiten unseren ganzen Weg um die Anapurnas, manchmal von Masten gehalten, die so niedrig sind, dass man auf einem Pferd sitzend lieber nicht die Hand nach oben ausstreckt. Der Wind reisst an unseren Kappen und blaest uns Staub ins Gesicht. Auf den nackten Flaechen um uns herum sind in regelmaessigen Abstaenden Dunghaufen ausgebracht - also sind diese Geroellhalden Felder?! Und wirklich 'grasen' hier auch Rinder und langhaarige Ziegen. Die Ziegen graben nach Wurzeln und hinterlassen so noch mehr Angriffspunkte fuer Erosion.
Heute Abend versammeln sich alle um den gluehenden Ofen, der mit kostbarem Holz befeuert wird. Dann vergraben wir uns in unsere Daunenschlafsaecke bis zum Morgengrauen.
Gyaru - Ngawal.
Die Morgensonne beleuchtet weisse Berge und wir lassen uns Zeit zu schauen und zu geniessen. Heute haben wir nur eine kurze Etappe, denn wir wollen zwecks Akklimatisation auf gleicher Hoehe bleiben. Gleich nach dem Ort kommen wir an mehreren Manimauern und kleinen Stupas vorbei. Frauen haben rauchige Feuer aus frischen Zweigen angezuendet und umrunden mit einem fremden Singsang die Mauern - beobachtet und bewacht von den weissen Bergen. Stumm gehen wir vorbei.
Ein maechtiger Greifvogel gleitet unter uns vorueber, fast koennen wir seine Fluegel beruehren.
In Ngawal steigen wir auf 4000 m zu einer Stupa. Ein starker Wind weht und bringt die Gebehtsfahnen zum Knallen. Hoeher und hoeher wuerde ich am liebsten wandern bis ich hoeher als alles andere bin, aber die Demut und den Respekt vor diesen maechtigen Bergen sollte man nicht verlieren. Schon die 4000 m haben mir zu schaffen gemacht und ich falle todmuede ins Bett.
Ngawal - Manang (3540). Heute wache ich sehr frueh auf und klettere von der Hotelterrasse die Leiter hinunter in den Stall, wo Rinder und Yaks zeitweise hausen. Niemand ist zu sehen, nur eine Herde von Yaks steht versammelt neben unserem Haus und kaut ein paar Strohhalme. Sie haben alle Farben, weiss, gescheckt bis schwarz, und schauen mit ihren pelzigen Baeuchen und buschigen Schwaenzen einfach einzigartig aus. Ich beobachte die Berge, wie sie sich langsam rot faerben.
Heute leitet uns der Weg zurueck ins Tal. Am ersten Bach, der unseren Weg kreuzt, wasche ich meine Socken und sehe erst danach, dass ein paar Meter entfernt ein totes Pferd liegt. Tierleichen gibt es nicht selten, oft mitten im Dorf und nahe Wasserlaeufen.
Wir erreichen den Talboden nach einem schweigsamen Marsch durch einen lichten, sonnendurchfluteten Wald. Wir kommen nach Praga und dieses Dorf bereitet uns ein herzliches Willkommen: Die Sonne scheint. Eine Herde junger Ziegen springt um uns herum - diese witzigen, winzigen, pelzigen Bergziegen mit unterschiedlich geschwungenen Hoernern und mit roten oder blauen Wollbuescheln im Ohr zur Markierung.
Das Tal ist flach und weit und der Fluss maeandert durch ein breites Schotterbett, dass er bei Monsun wahrscheinlich ganz ausfuellt. Es gibt kein Gruen, ausser das staubige Gruen vereinzelter Nadelbaeume, aber dennoch weiden hunderte Tiere hier: Pferde, Yaks, Schafe und vor allem Ziegen. Die Talflanken sind stellenweise von gelbem Sandstein gebildet, in die emmentalerlochartig Hoehlen gegraben worden sind.
Wir erreichen Manang, ein Knotenpunkt des Tourismus, voll mit luxurioesen Hotels (d.h. warme Duschen, Klo im Zimmer und entsprechende Preise), Geschaeften, sogar Kinos gibt es und Internet! Trotzdem befinden wir uns mitten in den Bergen, zu Fuessen von Siebentausendern. Ich muss zugeben, wir genossen den Luxus von frischem Brot, Wasser soviel wir brauchten und Kino (!). Im Kino sitzt man auf Holzbaenken bedeckt mit Ziegenfellen und ein rauchiger Ofen bemueht sich Waerme ins Zimmer zu bringen. Bei Stromausfall wird ein Generator angeworfen.
Wir beschliessen einen Tag zu bleiben und eine der vielen Moeglichkeiten fuer einen Tagesausflug zu nuetzen.
Manang - Ice Lake (4600) - Manang. Der Weg zum Ice Lake ist nicht leicht zu finden und so hetzen wir einer Gruppe hinterher, die mit einem Guide unterwegs ist. Es stellt sich heraus, dass es eigentlich gar keinen Weg gibt... und sehr weit oben kennt sich der Guide auch nicht mehr aus. So irren wir ueber die teilweise schneebedeckten, sonst mit Gras bewachsenen Haenge, was auf dieser Hoehe fuer mich sehr anstrengend wird. Wir steigen langsam auf eine Kuppe und ploetzlich sehen wir zwei Seen unter uns, zugefroren mitten in Schneefeldern. Wir haben es geschafft!!! Die Kaelte erlaubt uns nur eine kurze Rast (niieee mehr ohne Handschuhe ueber 4000!), ausserdem ballen sich graue Wolken zusammen. Der Abstieg fuehrt uns nach Praga, dem huebschen kleinen Ort vor Manang. Wir erreichen Manang als die ersten Tropfen fallen und vom warmen Hotel aus beobachten wir ein paar duerre Pferde, die sich im Schneeregen zusammendraengen.
Manang - Kangsar. Wir wollen zum Tilichosee (4900) gehen, der zwischen den Gletschern des Tilichopeaks und eines anderen Berges eingebettet liegt. Auch soll uns diese Extratour noch besser auf den Pass vorbereiten. Auf dem Weg nach Kangsar holt uns eine Gruppe Porter ein, beladen mit Campingequimpent. Wir kommen mit dem Koch ins Gespraech und er erzaehlt uns, dass sie mehr als 10 Leute sind, die fuer zwei Franzosen arbeiten (genauso wie die Armerikaner). Sie haben vor den Tilicho-Pass zu ueberschreiten, eine Abkuerzung des Anapurna-Treks. Allerdings muessen sie dafuer auf dem Gletscher auf ueber 5000 m campen und dann ueber den noch immer verschneiten Pass bei Lawinengefahr und mit schweren Lasten. Es klingt verrueckt, und als wir dann die Franzosen kennenlernen, erscheint es noch verrueckter. Sie sind zwei alte Maenner, sicher ueber 70, aber anscheindend wirklich in Form...naja...wir machen eine leichtere Tour, und die sollte nicht leicht werden, wie sich heraustellen wird.
In Kangsar werden wir sehr freundlich von einer Frau aufgenommen, die ununterbrochen redet. Am Abend sitzen wir in der Kueche beim Ofen, was nicht ueberall selbstverstaendlich ist. In anderen Hotels liessen sie uns nicht einmal einen Fuss ueber die Schwelle zur Kueche setzen. So koennen wir uns am Feuer waermen, werden ein bisschen geraeuchert und beobachten die Frau beim Kochen. Der Ofen ist ein flaches Metallgehaeuse (die alten sind aus Lehm), das auf einer Seite eine Oeffnung hat, wo lange Holzscheite nach und nach hineingeschoben werden. An einer Wand der Kueche sind Bretter angebracht, auf der Blechteller und -tassen, Eisenpfannen und Lebensmittel aufbewahrt werden. Es gibt keine Arbeitsflaeche und alles wird auf dem kleinen Sims entlang des Ofens hergerichtet. Und alles ist furchtbar schmutzig.
Kangsar - Tilicho Base Camp (4200). Es gibt drei Wege zum Tilicho Base Camp. Der Niedrigste ist schattseitig gelegen und noch voll Schnee. Der Mittlere ist der kuerzeste, fuehrt jedoch ueber steile Geroellfelder und ist steinschlaggefaehrdet. Der Hoechste ist der sicherste, aber anstrengenste, weil er auf 4700m hinauffuehrt. Das Los entscheidet fuer den hoechsten Weg. Und waehrend wir ihn bezwingen, oder uns ihm unterwerfen - ich weiss nicht, wie es wirklich ist - sind wir uns einig, dass es auch der schoenste Weg ist. Wir sind allein unterwegs auf Haengen, die mit gelbem Gras bedeckt und nicht nackt erodiert sind. Ein kleines Hirtenzelt aus Leinenfetzen steht einsam da, dahinter ein weisser Gipfel. Voegel kreisen ueber uns, mit uns und unter uns. Eine Herde Thar, hellbraune steinbockaehnliche Tiere, ist vor uns auf dem Weg. Sie entfernen sich langsam bergaufwaerts. Als wir einen kleinen Bach ueberqueren, entdecken wir das nackte Skelett eines Yaks. Hoch ueber uns auf einer Spitze weht eine einsahme Gebetsfahne im Wind - dort muessen wir hin. Und dort veraendert sich der bequeme Weg ploetzlich, wir befinden uns auf einem Geroellfeld, das auf allen Seiten in die Tiefe rollt und nur zwei m2 fuer uns zum Rasten uebriglaesst. Es ist der atemberaubendste Platz, den wir jemals erklommen haben. Wir blicken nach Osten und sehen weit, weit ins Tal hinein, aus dem wir kommen - niedrige Bergketten in braunen Farbtoenen, ueberragt von den weissen Gipfeln. Ganz klein erscheinen die wuerfeligen Haeuser von Kangsar, und noch kleiner die von ferneren Doerfern. Wir koennten hier laenger bleiben, wenn ich nicht so gestresst waere angesichts des nur fussbreiten Pfades, der vor uns liegt. Nur wenige Meter sind sichtbar und dann verschwindet er scheinbar im Abgrund. Doch in Wirklichkeit fuehrt er uns auf das steilste Geroellfeld, das wir im Zickzack bergab rutschen. Immer wieder stoppen wir und blicken nervoes nach oben, von wo zeitweise Steine herabrollen. Unter uns liegt das kleine Quadrat des Tilicho Base Camps.
Ein frostiger Abend geht ueber in eine eiskalte Nacht. Die Steine in den Fluessen sind ueberzogen mit Eis, und das Tal ist bedeckt mit Raureif.
Tilicho Base Camp - Tilicho Lake. Kurz nach 6.00 brechen wir auf, finden zuerst den Weg nicht, der ueber ein Schneefeld fuehrt. Ich spuere noch die gestrige Anstrengung und das Bergaufgehen wird bald zur Qual. Wir haengen uns an eine Frau, die mit zwei Nepalesen unterwegs ist. Ihr Fuehrer nimmt sie an den kritischen Stellen an der Hand. Und bald hat er auch mich an der Hand, als wir Lawinenreste und schmale, abschuessige Geroellpfade an steilen Bergflanken queren. In meinem Kopf kreist nur ein Satz: Es soll nur aufhoeren, es soll endlich aufhoeren. Endlich erreichen wir eine kleine Fahne auf einer Kuppe, die vom heulenden Wind blankgefegt ist. Von dort queren wir hartgefrorenen Schnee. Der Wind weht uns brennende Eiskristalle ins Gesicht und blaest die letzte Waerme aus uns heraus. Jetzt haben wir das Weiss erreicht, das uns sonst nur von oben leuchtet - allerdings ist es das Ende des Winters, sonst waere der Schnee noch ferner (ueber 6000). Nach einer weiteren Ewigkeit (jeder Augenblick dauert eine Ewigkeit) erreichen wir den See, eine ebene Schneeflaeche unter uns. Wir stehen auf 5000 m. Im 'Windschatten' einer Stupa kauern wir uns auf den Boden und essen unsere ganze Schokolade auf. Meine Fuesse sind eiskalt, mir ist schlecht und ich will nur weg. Gleichzeitig nimmt die Wildheit und Schoenheit der Schneeberge den Atem. Als wir nach kurzer Rast aufbrechen kommen uns die Traeger der zwei alten Franzosen entgegen. Sie schleppen unglaublich viel, aber sie lachen als sie keuchend ihre Lasten in den Schnee setzen.
Tilicho Base Camp - Kangsar. Wir entscheiden uns fuer den mittleren Weg. Niemals koennten wir den steilen Geroellpfad bergauf gehen, auf dem wir gekommen sind. Am Fuss von Sandsteinformationen, die senkrecht in die Hoehe ragen, ergiessen sich die Geroellfelder in die Tiefe bis zum Fluss. Sie werden genaehrt von den erodierenden Felsen. Der Weg quert diese Geroellfelder, gibt manchmal nur eine Handbreit Halt und klettert dann zwischen festeren Felsen durch. Wir sind frueh unterwegs und bleiben daher von Steinschlag verschont.
Vor Kangsar ist eine Gebetsmuehle ueber einem Bach errichtet. Ein kleines Wasserrad treibt die Muehle an und sorgt dafuer, dass die Gebete staendig zu den Goettern gelangen. Doch als wir diesmal vorbeikommen, dreht sie sich nicht mehr. Die Zuleitung ist mit Steinen verstopft. Shahar versucht die Leitung freizumachen und es gelingt fuer kurze Zeit. In Kangsar verbringen wir den Abend an einem vertrauten Herdfeuer, schweigsam der Muedigkeit ergeben.
Kangsar - Gunsang. Wir brechen ohne Fruehstueck auf und sind halbverhungert, als wir in Old Manang ankommen. Dort essen wir Fruehstueck aus fettem Tibetischen Brot. Ich lade ein paar schwere Sachen aus Shahars Rucksack in meinen, weil er Rueckenschmerzen hat. So quaele ich mich mit ueberladenem Bauch und Rucksack dahin. Shahar leidet unter seinen Rueckenschmerzen. Heute ist der vorletzte Tag vor dem Pass - wie sollen wir das schaffen? Im naechsten Ort bleiben wir und verordnen uns einen halben Tag In-der-Sonne-Sitzen, Lesen, Schlafen und eine Dusche mit warmem Wasser aus einem sauberen (!) Kuebel.
Gunsang - Thorung Phedi (4450). Wir starten in kaltem Graupeln, das den ganzen Tag anhalten sollte. Manchmal kommt die Sonne durch, aber die Berge sind von dichten Wolken eingehuellt. Das zuerst breite Tal wird enger. Vor und hinter uns sind viele Leute, man findet keinen Platz zum Pinkeln... Obwohl die meisten Leute schnell rennen, sind wir doch gleichauf, weil sie auch dauernd rasten. Wir ueberqueren den Fluss auf einer kleinen Holzbruecke, d.h. zuerst geht es steil hinunter, dann steil bergauf. Oben steht an passender Stelle ein Teehaus und wir essen eine Packung Kekse, um uns fuer die letzte Stunde zu staerken.
Thorung Phedi ist der letzte Ort vor dem Thorung La Pass. Hier stauen sich alle Leute, die den Anapurna Trek machen. Das Hotel ist voll und im Aufenthaltsraum wird gegessen, der Weg diskutiert und gespielt. Wir freunden uns mit einem netten deutsch-australischen Paar, Ursula und Juergen, an. Die grauen Wolken haben ihre Schleusen geoeffnet und weisse Schneeflocken tanzen dichter und dichter vom Himmel. Als es finster wird gehen wir durch knirschende 10 cm in unser Zimmer. Der Schnee, den wir hereintragen, bleibt ueber Nacht.
Thorung Phedi - Muktinath ueber den Thorung La (5416). Es ist noch finster als wir aufstehen, doch lang vor uns ist die erste Gruppe schon losgegangen. Wir gehen um 6.00 weg und sind ca. in der Mitte, vor und hinter uns sind viele Leute. Der Weg fuehrt im Zickzack einen steilen, verschneiten Hang zum Base Camp hinauf. Der Schnee hat einen Hauch von Rosa, doch die Sonne ist noch hinter den Gipfeln versteckt. Am Base Camp kommt sie heraus, blendet und brennt. Im gleissenden Schnee steigen wir Schritt fuer Schritt weiter. Es ist rutschig und als die Sonne, den Schnee aufweicht, wird es noch rutschiger. So verschieden ist dieser Tag vom Aufstieg zum Tilicho Lake - die Stille der Berge wird von den vielen Menschen vernichtet. Vor allem die Israelis schreien die ganze Zeit.
Ein paar Porter tragen unglaubliche Lasten, manchmal drei Rucksaecke. Wir kommen an einem aelteren Mann vorbei, der auf einem Stein sitzt und schwer atmet. Er wird in ein paar Minuten Blut spucken und tot sein. Eine Stunde Reanimationsversuche von ein paar Israelis und Deutschen sollten nichts mehr helfen. Aber das wissen wir noch nicht, als wir vorbeigehen - sehr langsam.
Um 10.30 erreichen wir den Pass. Ein Teehaus, Gebetsfahnen, der Ausblick auf die andere Seite. Der Pass begruesst uns mit Wind, der uns hinter das Teehaus verjagt. Wie ist es, angekommen zu sein? Schon auf dem Weg hat mich hie und da ein Lachen gepackt, so etwas Unglaubliches, was wir da schaffen. So gross ist die Welt und ausgerechnet hier sind wir in diesem Augenblick, am Fuss so hoher Berge, so maechtig, mit drohendem Eis behaengt. Nach einer halben Stunde machen wir uns an den Abstieg. Wir rutschen, laufen hinunter, dass mir schwindlig wird. Meine Fuesse laufen von selbst, ich hab fast keine Zeit ihnen zu sagen, wohin sie treten sollen. Weiter unten schmelzen die Schneefelder mehr und mehr. Geroell liegt frei, fast ebenso rutschig wie der Schnee. Bei einer Hausruine rasten wir. Ich sitze in der Sonne, vor mir steigt eine Felswand auf. Wenn ich den Kopf drehe, sehe ich ins Tal, ein braunes, trockenes Tal - das Braun von Tibet. Ganz fremd und wild ist dieses Tal, noch viel unwirtlicher als die Taeler von denen wir kommen.
Noch dauert es Stunden bis wir die Haeuser von Muktinath erreichen. Eine haessliche Mauer umgibt Tempel und Gebetsfahnen, was genau sich dahinter versteckt, werden wir morgen entdecken. Zuerst suchen wir uns ein Hotel mit gluehend heisser Dusche. Die Waesche lassen wir ueber Nacht auf dem Dach und in der Frueh ist sie gefroren. Den Abend verbringen wir im Haus an einem Tisch mit waermenden Kohlen darunter. Unsere Gesichter gluehen von der Sonne und von einer anregenden Unterhaltung mit einem Russen ueber Evolution und Kreationismus.
Muktinath - Kagbeni. Nach dem Fruehstueck schlendern wir zu den Tempeln, seehr langsam - jede Stufe kostet unmenschlich Energie. An der Strasse entlang verkaufen Frauen Schmuck und gewebte Guertel und Schuerzen. Ihr 'Have a look!' verfolgt uns die ganze Zeit. Wir betreten das Tempelareal und befinden uns ploetzlich im Schatten alter Baeume. Dieser Platz ist sehr heilig und bekannt fuer das ewige Feuer, das durch aus der Erde austretendes Gas genaehrt wird. Wir finden es in einem leeren Tempel, geschuetzt von einem engmaschigen Gitter. Auch das Wasser ist heilig hier und ergiesst sich aus vielen Oeffnungen in ein Becken.
Auf dem Weg nach Kagbeni, das an der Grenze zu Mustang liegt, kommen wir in starken boeigen Wind. Vor uns ausgebreitet liegt das Schotterbett des Flusses, dem wir nach Sueden folgen werden. Noerdlich liegt das 'verbotene' Mustang, das nur mit teuren Permits und mit einem Guide erforscht werden kann. Kagbeni ist ein reizvoller, verschachtelter Ort. Rinder und Ziegen werden vor dem kommenden Regen heimgetrieben und Transportesel ueber nacht in kleine Koppeln gesperrt. Eine maechtige Manimauer mit vielen Gebetsmuehlen bildet das Ende des Ortes, bis wohin wir erlaubt sind zu gehen.
Im Hotel gibt es einen Fernseher und wir erhalten die ersten Nachrichten ueber den Irakkrieg, der am gleichen Tag begonnen hat wie unsere Tour. Doch das Bimmeln der Glocken eines vorbeitrabenden Pferdes erinnert uns an unsere Gegenwart und wir ziehen uns zurueck um Tagebuch zu schreiben. Bei einem Glas Chang aus vergorener Gerste geht der Tag zu Ende.
Kagbeni - Jomsom. Wir naehern uns dem touristischsten Abschnitt unserer Wanderung. In Jomsom gibt es einen Flughafen und viele Leute fliegen hierher, um dann von Jomsom bergab nach Pokhara zu trekken. Dementsprechend ist das Angebot an teuren Hotels und Restaurants in Jomsom und wir haben Muehe etwas Billiges zu finden.
Jomsom - Khobang. Auch heute folgen wir dem schottrigen Flussbett, doch langsam vollzieht sich eine Veraenderung. Die vorher nackten Berghaenge bewalden sich mit dunklen Koniferen. Die Gerste ist schon hoch und gruen auf den Feldern und manche der vielen Obstbaeume stehen in Bluete. Entlang des Weges sind manchmal schattenspendende Weiden angepflanzt, die zartgruenes Fruehlingslaub tragen. Wieder packt uns der Wind am spaeten Vormittag, doch wir sitzen schon laengst in einem kleinen Dachgiebel des Hotels, als die ersten Tropfen fallen. Wir sehen unter schweren Lasten gebueckte Gestalten, Eselkarawanen, rotgekleidete Menschen auf dem Weg zu einem Festival in Muktinath und Reiter auf weissen Pferden im Flussbett dahinziehen.
Khobang - Ghasa. Wieder fuehrt uns der Weg ins Flussbett. Die Sonne brennt heiss, als wir zu Mittag ankommen. Von der Dachterasse aus ueberblicken wir vom Wind bewegte silbrige Gerstenfelder. Riesige Baeume schwenken ihre Aeste. Hinter dem Hotel steht eine einsame Palme. Am Abend kommen ueberraschenderweise Ursula und Juergen und wir verbringen einen lustigen und interessanten Abend mit Gespraechen ueber unsere und ihre Welt. Es ist so warm, dass wir ohne Zaehneklappern zaehneputzen koennen und ohne Socken in den Schlafsack kriechen.
Ghasa - Tatopani. Tatopani bedeutet heisses Wasser. Wir freuen uns auf die heissen Quellen, ohne zu ahnen, wie heiss der Tag werden wuerde. Es ist gruen um uns, Voegel zwitschern, bunte Schmetterlinge kreuzen unseren Weg.
Gelbgefluegelte Zikaden laermen in den Baeumen - eine andere Welt fern von Gebirgswuesten und Schnee. Die ersten Bananenstauden, ein Feigenbaum, leuchende Orangen entlang des Weges. Doch die Hitze ist drueckend und die zahlreichen Eselkarawanen blockieren haeufig den Weg. Einmal draengen uns die Esel fast den Berg hinunter. Seitdem bleiben wir bergseitig und warten lieber, bis sie uns passieren. Wir schwitzen und gluehen wie nie zuvor auf der Wanderung und ich steuere auf eine Rastbank im Schatten zu.
In Tatopani haben wir keine Lust mehr auf heisse Quellen. Nach einer kalten Dusche sitzen wir in einem bluehenden Garten unter Orangen- und Zitronenbaeumen und essen Salat und Pizza. Der schwuele Nachmittag laesst Gewitterwolken den Himmel verfinstern. Auf einmal bricht der Sturm los. Der Regen prasselt auf die Blechdaecher und wird zu laermendem Hagel. Die Hagelkoerner schlagen Fruechte und Blaetter von den Baeumen und bedecken in einer dicken Schicht den Boden. Spaeter sammeln wir Orangen und Zitronen und Etrog (heb., schaut aus wie eine riesige Zitrone). Die heissen Quellen sind nur drei Minuten vom Hotel und so gehen wir hinunter und setzen uns in eines der kleinen, betonierten Becken. Es ist so heiss, dass man sich fast verbrennt.
Ruhetag!!! Wir beschliessen, einen Tag in diesem paradiesischen Garten zu verbringen, und tun gar nichts ausser Lesen, Schreiben und Orangen essen.
Tatopani - Ghorepani. Was fuer ein Tag! 1500 m bergauf auf steilen Steinstufen. Es ist eine Wanderung durch einen Park von Menschenhand gestaltet. Felder, Baumgruppen, Felsen, kleine Blumen am Boden, Nussbaeume, Kirschbaeume, Mais, Gerste, Kartoffeln, Zwiebeln. An den feuchten Felsen waechst ueberall Lebermoos mit Brutbechern und Gametangienstaenden. Der letzte Wegabschnitt von Chitre nach Ghorepani fuehrt durch einen Geisterwald aus alten Rhododendronbaeumen. Die Rhododendren sind ueber und ueber voll mit rosa und roten Blueten und von Moosen und Farnen bewachsen. Das nahende Gewitter verleiht dem Wald eine gespenstische Atmosphaere.
Ghorepani - Poon Hill - Sitkyu. Mit Stirnlampen starten wir im Finstern hinauf auf den Poon Hill, der so beruehmt ist fuer den Ausblick, den man von seinem Gipfel geniessen kann. Im kalten Licht der Stirnlampe glitzert der Tau geheimnisvoll auf Blaettern und Steinen. Wir klettern durch einen Rhododendronwald. Bald leuchtet uns das erste Grau des Tages den Weg. Nach weniger als einer Stunde sind wir oben. Auf dem Gipfel steht ein Aussichtsturm und ein Teehaus mit Strohdach. Es wimmelt nur so von Leuten. Die Bergkette liegt noch im Schatten und wir warten zitternd auf einem Stein sitzend auf die Sonne. Bald werden die Spitzen in Morgenroete getaucht doch wir brechen auf bevor die Sonne den Dreitausender erreicht, auf dem wir stehen.
Hinunter von einem Berg und hinauf auf den naechsten. Aechz! Dafuer werden wir von einem gigantischen Ausblick belohnt. Huegel bedeckt mit bluehenden Rhododendren und wir sind mittendrin. Leicht geht es jetzt dahin im Feenwald, in einem Wechselspiel aus Licht und Schatten. Die Luft ist voll mit Vogelgezwitscher. Alles, sogar die kleinsten Baeumchen, ist mit Moos ueberzogen. Farne wuchern auf den manchmal uralten Baeumen. Trotz der Anstrengung bleibt der Zauber ungebrochen. Endlich sind wir in Tadapani, wo wir bleiben wollen. Ich kann sowieso keinen Schritt mehr gehen. Doch das Hotel ist grauslich und wir koennen nicht mehr in ein anderes, denn die Blicke der Hotelbesitzer beobachten jeden Schritt, den wir tun. Also weiter. Bergab. Es wird ein Wettlauf mit dem Regen und vor allem mit der Muedigkeit. Und wir erreichen das Ziel, ein einsam gelegenes Haus mit nur einem Zimmer mitten im Wald. Dort essen wir das beste Dal Bhat, das wir jemals bekommen haben, serviert in schwerem, wunderschoenen Messinggeschirr. Nach dem Essen gehen wir sofort ins Bett und nicht einmal das bloekende Schaf, das im Hof angeleint ist, kann uns davon abhalten sofort in tiefen Schlaf zu fallen.
Sitkyu - Birethanti. Ein Morgenkonzert von Vogelgezwitscher, Schafgebloeke und Kinderstimmen weckt uns. Es ist schwer diesen Ort zu verlassen.
In der Morgensonne verlassen wir den Wald und durchwandern das naechste Dorf. Der Weg fuehrt weiter bergab, durchquert Doerfer und Felder. Es wird heiss und heisser und wir rasten alle paar Minuten im Schatten. In Birethanti gibt es nur schreckliche Hotels, so suchen wir eines aus mit einer schoenen Terasse ueber dem Fluss. Wir feiern unsere erfolgreiche Tour und lassen unsere Abenteuer revue passieren. Es gibt Bier und Pommes Frites und anderes Knabberzeug.
Birethanti - Pokhara. Ich wache fruehmorgens mit schrecklichen Bauchkraempfen auf. Das hat mir gefehlt. Zum Glueck ist es nur eine halbe Stunde bis zur Bushaltestelle, aber die fuehrt durch die dreckigsten Strassen voll mit Eselscheisse. Die Fahrt von eineinhalb Stunden in einem Bus vollgestopft mit Einheimischen ist nicht gerade was ich jetzt brauche. Doch irgendwann endet die Reise in einem kuehlen Hotelzimmer mit einem weichen, riesigen Bett. Wir warten also auf meine Gesundung, die nicht wirklich kommen will, aber zum Glueck werden mir Pausen genehmigt und ich kann zum Pessachfest mitkommen, das am 16.4. stattfindet. 200 Israelis versammeln sich waehrend eines Gewitters unter einem bunten, nepalesischen Zelt. Ich bin dabei und geniesse die Atmosphaere, das Erzaehlen der Geschichte des Auszugs aus Aegypten, das symbolische Essen und die Lieder. Und die Nepalesen, die das Essen servieren, haben offensichtlich einen Riesenspass die fremde und seltsame Kultur zu beobachten.
So endet unsere Reise um die Anapurnas in einem froehlichen Fest! Und hier in diesem sonnigen Ort voller Gaerten geniessen wir nun ein paar ruhige Tage, bevor der Wind uns woanders hintreibt.

Trekking im Sagarmatha Nationalpark 29.4. - 24.5.03
Ja, wir sind wieder unterwegs! Und unsere Reise beginnt mit der hoellischsten Busfahrt meines Lebens von Kathmandu nach Jiri. Der Buspark in Kathmandu ist sogar in aller Frueh eine einzige Staub- und Dunstwolke. Es wimmelt von Menschen und Fahrzeugen. In kleinen Kuechen werden oelige Teigwaren angeboten und Chai gekocht. Wir stuerzen uns ins Getuemmel und werden dank freundlicher Leute zum richtigen Bus gelotst. Wir bekommen die letzten Plaetze vor der hinteren Tuer. Das hat den Vorteil, dass wir uns weit zuruecklehnen koennen, aber dafuer bekomm ich dauernd den Ellbogen vom Tuersteher auf den Kopf. Sein 'Jiri, Jiri, Jiri' begleitet uns die halbe Fahrt und in jeder noch so winzigen Ortschaft werden Fahrgaeste aufgenommen. Ploetzlich faengt der Lautsprecher, der genau ueber uns montiert ist, an zu droehnen - ueberlaute nepalische volkstuemliche Musik. Mir fallen fast die Ohren ab und als wir endlich nach drei Stunden fuers Mittagessen stehenbleiben bin ich fast taub. Zum Glueck goennt uns der Fahrer danach ein paar Stunden Ruhe.
Der Bus belaedt und entlaedt sich und ca. 50 km vor Jiri ist er berstend voll mit geschaetzten 200 Leuten. Das Dach und der Mittelgang sind vollgestopft. Dauernd haelt sich wer an unseren Koepfen fest und unsere Knie werden vom eisernen Vordersitz blaugeschlagen. Nach kurzer Zeit macht es einen 'Glescher' und ein Stossdaempfer bricht. Alle verlassen den Bus und setzen sich wartend an den Rand der Weizenfelder, die uns terrassenartig umgeben. Die Reparatur dauert nicht lang und es geht weiter. Irgendwann nach drei Checkpoints, einer stundenlangen Kriechfahrt bergauf und einer Hoellenfahrt bergab, kommen wir in Jiri an. Ich hab es noch nie so genossen mich im Bett lang auszustrecken wie nach dieser Busfahrt!
Am naechsten Morgen hoeren wir in den Nachrichten, dass drei Kanadier SARS aus Hongkong nach Kathmandu gebracht haben. Mittlerweile haben wir schon so viele Geruechte ueber die SARS Epidemie in China gehoert, dazu die Nachrichten voll mit Reisewarnungen und unklaren Vermutungen ueber Ursache und Ausbreitung dieser Krankheit, dass wir kurz davor sind, unsere Reise abzubrechen. Wir diskutieren einen Tag lang und entschliessen uns dann doch in die unbekannten Berge aufzubrechen, die vor uns liegen.
Die meisten Leute ersparen sich den Weg von Jiri nach Lukla, indem sie von Kathmandu direkt nach Lukla fliegen. So ersparen sie sich viel Anstrengung, aber sie versaeumen auch eine Vielfalt an Fauna und Flora, die es in groesseren Hoehenlagen nicht gibt. Sie versaeumen unverdorbende Gastfreundschaft, billiges und gutes Essen und einsame, stille Wege. Ich kann jedem empfehlen, die Erforschung des Sagarmatha Nationalparks in Jiri zu starten. Es verbessert die Kondition und hilft der Akklimatisierung an die grosse Hoehe, die den meisten Touristen Probleme bereitet. Aber natuerlich will ich nicht verschweigen, dass ich mindestens einmal am Tag geschimpft und gejammert habe, denn es war das Anstrengendste, das ich jemals gemacht habe.
Jiri - Sangba Danda. Wir verlassen Jiri, ein Ort voll mit Hotels und den letzten Geschaeften, um sich mit Trekkingequipment einzudecken. Wir folgen einer erdigen Strasse, auf der Lastwaegen und Busse bis zum naechsten groesseren Ort fahren (Shivalaya). Auf dem Rueckweg nehmen wir einen Bus, aber davon spaeter. Die Strasse fuehrt um den Berg herum und wir versaeumen die Abzweigung zum Pass. So haben wir einen laengeren Weg, aber dafuer ohne Steigungen. An den terrassierten Haengen stehen einzelne Haeuser. Jedes Fleckchen Erde wird genutzt, um Mais, Weizen, Buchweizen, Bohnen und Kartoffeln anzubauen. Kuehe und Wasserbueffel werden in kleinen Unterstaenden mit Bambusmattendaechern gehalten. Die Aehnlichkeit zur Anapurna Region ist natuerlich unuebersehbar, aber hier leben andere Volksgruppen mit anderen Braeuchen und wir sind immer wieder ueberrascht, welchen Unterschied das macht. Die Haeuser zum Beispiel sind hier weiss gestrichene Steinbauten mit grossen Holzfenstern und schraegen Wellblechdaechern, viel protziger als die niedrigen, grauen Steinbauten mit flachen Daechern im Anapurnanationalpark. Die Traeger hier besitzen alle einen T-foermigen Stock, den sie zum Gehen benuetzen und um ihre Last darauf abzustellen. Im Anapurna NP stellen die Traeger ihre Last immer auf eine der zahlreichen Steinbaenke ab. Hier werden kaum Esel zu Transportzwecken genutzt, dafuer weiter oben Yaks und Rinder.
Wir sind im Land der Sherpas, die aus Tibet stammen und eine beteutende Rolle bei der Besteigung der hoechsten Berge der Welt spiel(t)en. Tenzing Norgay ist wohl der beruehmteste Sherpa, weil er vor 50 Jahren gemeinsam mit Sir Edmund Hillary die Erstbesteigung des Mount Everest (Sagarmatha) vollbrachte.
Den heutigen Abend verbringen wir in der Lodge einer Sherpafamilie. Wir bekommen ein Zimmer mit erdigen Waenden und fuenf Zentimeter dicken Matratzen. Die Dusche ist ein Wasserschlauch im Freien und so kann ich mich erst waschen, als es finster ist. Am Abend sitzen wir neben dem warmen Ofen und unterhalten uns mit dem 18jaehrigen Sohn der Familie. Seine Haende sind voller Warzen (das sieht man oefter) und ein Finger ist in einen schmutzigen Fetzen eingewickelt. Er erzaehlt uns, dass er sich den Fingernagel weggeschnitten hat... Jeden Tag geht er zwei Stunden zur Schule und jetzt hat er seine Schlusspruefungen. Irgendwann wird er den Bauernhof seiner Eltern uebernehmen mit den Kuehen, Ziegen und Huehnern. Wir bekommen ein Glas Sherpa Tee zum Kosten, der mindestens so lecker schmeckt wie Tibetischer Tee. Sherpa Tee ist Schwarztee mit Milch und Salz.
Mittlerweile hat es zu regnen aufgehoert. Der Regen hat den Weg aufgeweicht und ein schwer beladenes Pferd rutscht aus und stuerzt. Es liegt hilflos auf der Seite mit den Beinen bergaufwaerts. Ein paar Maenner versuchen die Saecke von seinem Ruecken zu loesen, was nicht einfach ist, weil sie unter dem Pferd begraben sind. Es ist so erschoepft, dass es sich ueberhaupt nicht bewegt. Erst nach einer Weile gelingt es den Maennern mit Geschrei und Schlaegen, das Pferd zum Aufstehen zu bringen. Da steht es nun da mit dem gleichen hoffnungslosen Ausdruck in den Augen wie all die geschundenen Tragtiere in den Bergen. Ich weiss, dass die Menschen hier sehr arm sind und ihre Haustiere zum Ueberleben brauchen und nicht als Streicheltiere. Trotzdem war ich frueher der naiven Ueberzeugung, dass Buddhisten Tiere gut behandeln.
Sangba Danda - Kenja. Heute frueh sind wir wieder einmal froh, dass wir wegkommen. Wir haben dass Gefuehl, nicht genug konsumiert zu haben, um unsere Gastgeber zufrieden zu stellen.
Der Tag beginnt mit dem Anstieg zum Deorali La (Pass) durch Wald und an ein paar Haeusern mit Terrassenfeldern vorbei. Am Pass liegt der Ort Deorali mit grossen Lodges, Manimauern und Gebetsfahnen. Von dort fuehrt der Weg steil bergab und durchschneidet die Serpentinen einer zerstoerten Strasse. Anscheinend hat sie dem Monsun nicht standgehalten. Im Tal essen wir oeliges Brot und sehr gute salzige Kartoffeln bei einer freundlichen Sherpafrau, die lacht, als wir uns halbverhungert ueber das Essen hermachen. Der Weg bis Kenja kommt uns danach noch endlos vor, obwohl wir uns beeilen, damit wir nicht in den Regen kommen. Staendig wird der Pfad von Traegern blockiert, die alle 10 Meter zum Rasten stehenbleiben und ihre Lasten auf den T-foermigen Stoecken abstellen. Endlich erreichen wir Kenja und suchen zufaelligerweise die gleiche Lodge aus, in der Shahar vor vier Jahren war, als er die gleiche Tour machte. Das Gebaeude ist neu, aber die Dusche ist die gleiche geblieben. Wie freu ich mich auf eine richtige, warme Dusche! Doch als ich mit meinem Duschzeug reinspaziere, sitzt da die groesste Spinne auf der Wand, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Handtellergross und kohlrabenschwarz.
Der Hotelbesitzer eilt zu meiner Rettung und mit ein paar Blaettern zerquetscht er das Riesenviech und spuelt es in den Abfluss (ich weiss nicht, wie es da reingepasst hat). Noch ein paar Mal sollten uns kleinere, aber trotzdem beeindruckende Schwestern dieser riesigen Spinne den Aufenthalt in Lodges ungemuetlich machen.
Kenja - Lamjura La. Schon am Vorabend blickten wir manchmal verzweifelt auf den gegenueberliegenden Hang, wo sich schneckengleich der Weg nach oben windet, den es heute zu bezwingen gilt. Es sind 2000 Hoehenmeter auf den 3500 m hohen Lamjura La, den hoechsten Pass zwischen Jiri und Lukla.
Meine Geduld reicht fuer so einen Anstieg nicht aus. Wenn die Stunden dahingehen und man steigt und steigt bergauf, ohne zu wissen wo das Ende ist, reisst irgendwann der Geduldsfaden.
Ich gehe schneller, der Puls steigt und ich komme der Erschoepfung immer naeher. Die Traeger dagegen machen wirklich alle paar Meter eine Pause und sie brauchen unendlich laenger fuer den Anstieg. Und sie machen diesen Anstieg nicht nur einmal wie ich, sondern viele Male in ihrem Leben, vielleicht jede Woche, wenn sie Lasten nach Lukla schleppen. Viele Kinder sind unter den Traegern und mein Magen krampft sich in Wut und Ohnmacht zusammen angesichts ihres Schicksals, das sie in die Kaste der Traeger geboren hat, wo sie ihr Leben lang bleiben werden.
Wir kommen hoeher hinauf und die Terrassenfelder werden durch Rhododendronbaeume ersetzt. Wieder sind wir in dem typischen Wald dieser Hoehenstufe mit Rhododendren, die ueber und ueber mit epiphytischen Moosen und Farnen bewachsen sind - und mit Orchideen, wie wir erst auf dem Rueckweg entdecken werden, als sie in Bluete sind. Bevor wir den Pass erreichen, kommen wir in Wolken, die als feiner, weisser Nebel unsere Haut beruehren. Mitten auf einem steilen Wegstueck aus roter Erde und Felsstufen beginnt es zu regnen und wir sind am Ende unserer Kraefte. Doch irgendwie schaffen wir es noch zum Pass und bleiben in einer der zwei Lodges dort. Es ist eiskalt und auf den Daechern liegen Schneereste. Wir sind mitten in einer weissen, undurchsichtigen Nebelsuppe. Also verkriechen wir uns vor den Ofen in der Kueche, die von einer Frau und ihrer fetten Mutter bewirtschaftet wird. Im Laufe des Nachmittags entpuppen sie sich als zwei unfreundliche Berghexen, die in uns nichts anderes als eine Geldquelle sehen und uns als Menschen zweiter Klasse behandeln. Die fette Frau sitzt den ganzen Tag neben dem Feuer und isst getrocknetes Fleisch und trinkt Raksi. Zwischendurch verscheucht sie die duerre graue Katze mit Fusstritten oder die Huehner, die vorsichtig glucksend durch die offene Tuer in die Kueche kommen und unsichtbare Koerner vom Boden aufpicken.
Lamjura La - Ringmo. Der Morgen begruesst uns mit der immer gleichen Nebelsuppe und wir erleben einen geisterhaften Pass, auf dem Gebetsfahnen aus dem Nichts auftauchen und wieder verschwinden. Bald sind wir wieder unter der Wolkendecke und folgen einem steilen Weg bergab durch Rhododendronwald. Am Talboden weiden Rinder auf kurzgefressenem Rasen. Die Wiesen sind von Mischwald umgeben und erinnern mich zu sehr an heimatliche Almen. Wir wandern auf einem sandigen, bequemen Weg aus dem Tal heraus, sogar die Sonne laesst sich zeitweise blicken und der graue Nebel des Lamjura La scheint weit hinter uns zu liegen. Ein riesiger Felsblock traegt eine bunte Mani-Inschrift und leuchtet weit in die Landschaft. Zu Mittag erreichen wir Junbesi, ein touristisches Zentrum gemessen an der Anzahl der Hotels, aber jetzt ohne Touristen. Es ist Nebensaison, aber der Hauptgrund fuer den Rueckgang an Touristen ist noch immer der Buergerkrieg. Gerade zwischen Jiri und Lukla gibt es zahlreiche Maoisten und viele Steine und Hauswaende tragen das Hammer-Sichel-Symbol. Als wir in Ringmo ankommen, ist eine Gruppe Maoisten gerade beim Training. Es sind Maenner und Frauen in normaler Kleidung und ohne Waffen. Sie machen Gymnastik und dann ueben sie mit Holzstuecken, als haetten sie Gewehre. Andere Dorfbewohner stehen herum und schauen zu. Es ist ja wohl wirklich ein seltsamer Anblick und ziemlich unverstaendlich, wenn das taegliche Leben hier soviel an koerperlicher Arbeit abverlangt, dass man da noch anfaengt zu Turnen. Aber vielleicht schauen sie auch zu in der Hoffnung, dass diese Leute einmal eine Veraenderung in ihr Land und ihr Leben bringen werden. Wir haben nicht oft mit Nepalesen ueber Politik geredet, aber was wir meistens gehoert haben ist die Ablehnung des Koenigs ('very stupid'), aber auch der Maoisten, die Flugplaetze und Telefonleitungen in den Bergen zerstoeren.
Ringmo - Khari Khola. Der Tag beginnt mit einem Aufstieg von 400 m auf einen kleineren Pass. Ueber Nacht hat ein Sturm die Wolken weggeblasen und zum ersten Mal haben wir klare Sicht - auch auf ein paar ferne, weisse Spitzen. Auf dem Pass ist es sehr windig. Als wir das Tor mit Gebetsmuehlen und -fahnen durchschreiten, haben wir ploetzlich einen gigantischen Ausblick auf eine Bergkette vor uns. Wir sind ueber den Wolken, die das Tal bedecken. Das ist das Geheimnis von Paessen, mit einem Schlag zeigen sie alles, was vor einem liegt, und man kann auf alles zurueckblicken, was hinter einem liegt.
Der Weg fuehrt uns wieder einmal ins Tal, diesmal 1600m bergab. Da kann man schon einmal genug vom Bergabgehen bekommen. Aber die Wolken loesen sich bald auf und es wird schoen. Deshalb (und weil Shahar unbedingt will) bin ich einverstanden, dass wir heute selbst kochen. Wir machen unsere Kueche am tiefsten Punkt des heutigen Tages an einem Fluss auf. Es ist eine ziemliche Prozedur alles auszupacken und Wasser zu organisieren. Der Kocher spinnt und es dauert ewig bis das Wasser heiss wird, von kochen keine Spur. So lang hat glaub ich noch niemand gebraucht, um Instant Nudeln zu kochen: Mehr als zwei Stunden dauert es bis wir mit vollen Maegen weiterwandern.
500 Hoehenmeter in gluehender Hitze liegen vor uns. Alle paar Meter leeren wir literweise Wasser in uns hinein. Kein Wunder, dass es so heiss ist, wir sind auf nur 1500m. Hier wird Weizen statt Gerste angebaut und es gibt Bananen. Khari Khola ist ein kleines Dorf auf einem terrassierten Berghang. Viele Haeuser haben Blumentoepfe entlang der Hausmauer, in denen Ringelblumen, Gaensebluemchen, Tagetes und andere wuchern. Die Atmosphaere ist sommerlich und einladend. Doch leider sehen das auch Riesenspinnen so...
Khari Khola - Lukla. Nur Shahar ist es zu verdanken, dass wir Jiri - Lukla in sechs Tagen geschafft haben. Jeden Abend konnte ich kaum auf meinen Fuessen stehen, und am naechsten Tag wanderten wir noch laenger und weiter als am Tag davor. Und der letzte Tag war der haerteste von sechs brutalen Tagen.
Die letzte Etappe fuehrt uns zuerst 1000m bergauf, dann entlang der Bergflanke in kleinen Aufs und Abs, schliesslich 600m bergab und wieder 500m bergauf nach Lukla. Lukla wird vom Flughafen und dem Laerm der Flugzeuge dominiert. Die meisten Leute bleiben keine Nacht hier, sonderen gehen gleich weiter. Doch wir legen hier einen Rasttag ein und verbringen den Tag in einer sonnigen Veranda mit einem Buch. Wir sind zurueck in der Zivilisation, eingerichtet fuer Touristen. Ein Geschaeft fuer Trekkingausruestung reiht sich an das naechste, unterbrochen durch Book Shops und Lebensmittellaeden mit allen erdenklichen Suessigkeiten und Coca Cola. Sogar Brot und Kuchen wird in Bakeries angeboten, aber leider zu unerschwinglichen Preisen. Von unserer Veranda aus sehen wir den Flughafen und koennen Helikopter und Flugzeuge beobachten, die fast in Minutenabstaenden eintreffen. In Windeseile werden Gueter und Touristen ausgeladen und andere Touristen eingeladen. Die Landebahn ist geneigt, sodass landende Flugzeuge staerker gebremst werden und nicht in den Berg knallen, der das natuerliche Ende der Landebahn bildet. Lukla - Namche Bazar. Wir befinden uns nun auf den Touristentrampelpfaden, die jaehrlich tausende Touristen zum Fuss des Mount Everest bringen, und so auch uns. Aber wir planen zuerst ins weniger touristische Gokyo Tal zu wandern, das westlich vom Everest liegt und wo Shahar vor vier Jahren war. Von Gokyo kann man einen Pass ins Nachbartal ueberqueren, von wo es dann weiter bergauf Richtung Everest geht. Das ist unser Plan und wir fuehlen uns fit und jedem moeglichen Hindernis ueberlegen. Aber...
Der Weg nach Namche Bazar fuehrt entlang eines Tales und ist daher sehr bequem zu gehen. Doch das letzte Stueck ist ein Anstieg von 600 m. Wir schwitzen furchtbar in der Hitze und der Wind blaest uns tonnenweise Staub ins Gesicht. Auf dem Weg sind dutzende Leute unterwegs, Porter mit schweren Lasten, Touristen in Gruppen und Individualtouristen, Touristenguides und -traeger. Ein Tourist, der mir entgegenkommt, schenkt mir seinen schoen verzierten Stock. Dieser Stock wird mein treuer Begleiter und meine Stuetze auf den Wegen, die vor uns liegen.
Ueberall entlang dieser frequentierten Trekkingroute zum Everest Base Camp wird fleissig gebaut. Ein Hotel nach dem anderen entsteht. Die Steine fuer den Hausbau werden haendisch aus dem Berg gesprengt und zu Quadern geschlagen und auch die Bretter und Pfosten werden haendisch zurechtgeschnitten. Aber es sind so viele Arbeiter beschaeftigt, dass ein kleines Haus innerhalb von drei Wochen von den Grundmauern bis zum Dachstuhl ergaenzt wird.
Wir passieren einige schaebige Bruecken, von denen wir eine nicht mehr wiedersehen, als wir nach drei Wochen zurueckkommen. Zwischen Monjo und Jorsale beginnt der Sagarmatha Nationalpark. Nachdem wir die Gebuehr bezahlt haben und registriert wurden, durchschreiten wir ein Tor zu neuen Abenteuern.
Namche Bazar - Phortse Drenkga. Namche Bazar besteht aus modernen Steinbauten mit blauen, weissen und roten Fensterrahmen. Es ueberrascht mit einer Strasse voll Geschaeften mit Souveniers und Trekkingartikeln. Obwohl der Flughafen in Lukla liegt, ist Namche Bazar das eigentliche Touristenzentrum. 'Bazar' im Ortsnamen bedeutet, dass ein woechentlicher Markt abgehalten wird, den wir leider versaeumen.
Der angestrebte morgendliche Tee fuehrt zu einer eineinhalbstuendigen Verspaetung, denn der Kocher weigert sich auf einmal zu funktionieren. Shahar reinigt alle Teile und trotzdem rinnt das Benzin nur traege aus der Duese. Also bleibt uns nichts anderes uebrig und wir fragen um heisses Wasser, das wir gratis bekommen...
Die Berge rund um uns sind offensichtlich abgeholzt, denn wir sind zwar uber 3000m, aber noch nicht ueber der Waldgrenze. Das einzig Brennbare, das hier noch waechst sind ein paar schaebige Wacholderbuesche. Meistens wird daher trockener Yakmist zum Heizen und Kerosin zum Kochen verwendet. In der Frueh verbrennen Buddhisten frische Wacholder- und Rhododendronzweige in Blechdosen, im Herdfeuer und neben Manimauern. Der intensiv riechende Rauch fuellt oft ganze Doerfer und laesst uns die Nasen zuhalten.
Heute begleiten uns entlang des Weges Unmengen von winzigen Iris mit violetten Blueten. Wir passieren ein paar Touristenhorden, bevor wir zur Abzweigung nach Gokyo kommen. Hier will Shahar die Richtigkeit seiner Positionsberechnungen bestimmen und laesst mich wartend auf einer Steinmauer zurueck. Unter mir liegen zwei Haeuser. Davor stehen Tische mit Souveniers, die von tibetischen Frauen in traditionellen Kleidern verkauft werden. Ein fetter Tourist kommt entlang des Weges und bestellt keuchend ein Coca Cola. Da sitzt er nun auf dem weissen Plastiksessel in der Sonne und ich fuehle mich an einen Strand vielleicht auf Rhodos oder Gran Canaria versetzt. Mehr Touristen kommen vorbei, meistens tragen sie kleine Tagesrucksaecke, auch die staemmigsten Maenner. Und ihre Porter wirken wie duenne Kinder unter ihren schweren Riesenrucksaecken.
Endlich kommt Shahar zurueck und wir machen uns an den Aufstieg auf den Mong La (Pass). Vor uns treibt eine Frau zwei beladene Yaks den steilen Weg bergauf. Die riesigen Tiere wirken gleichmuetig und gelassen, wie sie langsam die steilen Steinstufen hinaufklettern. Am Pass geht es Shahar nicht gut und wir glauben zuerst, dass es die Hoehe ist. Aber in Phortse Drenkga geht es ihm nicht besser und bald geht es mir gleich. So verbringen wir zwei Tage dort mit verstimmten Maegen (woher nur? vielleicht war's der gruene Plastikfaden im gleichfarbigen Gemuese gestern?). Unsere Lodge ist an einem rauschenden Fluss gelegen, der an seinen Ufern grosse, runde Kiesel und Sand abgelagert hat. Das Tal ist bewaldet mit bluehenden Rhododendren, Birken mit papierduenner, sich schaelender Rinde und mit Foehren, die lamettaartig mit graugruenen Bartflechten behaengt sind. Es ist ein wunderschoener Platz und er laedt zum Erforschen und Entdecken ein. Doch wir verbringen den Tag eingewickelt im Schlafsack in unserem finsteren Zimmer.
Phortse Drenkga - Dole. Am naechsten Morgen kriechen wir gelaehmt vor Kaelte und voellig erschoepft den Berg hinauf. Jeder Schritt ist eine Ueberwindung, aber wir spornen uns gegenseitig an und jammern gemeinsam, wenn es unueberwindbar scheint. Trotzdem versuch ich, die einzigartige Landschaft zu geniessen. Der Weg windet sich zwischen Felsbloecken hindurch, die manchmal ein steiles Bergauf- oder Bergabgehen erzwingen. Kleine Wasserfaelle stuerzen an den Felsen hinunter - an ruhenden Stellen zu Eis gefroren. Ueberall blueht rosarot Primula denticulata zwischen Wacholder, Zwergweiden, Ephedra und niedrigen Rhododendren. Sogar ueber 4000 m kreuzen noch bunte Schmetterlinge unseren Weg und kleine Singvoegel blitzen manchmal rot, blau oder orange im Gebuesch auf. Wir kommen an einem kleinen Haus erbaut aus rohem Stein und krummen Holz vorbei. Es steht malerisch auf einer Wiese, die von einer Steinmauer umgeben ist. Dieses Haus passt viel besser in die Landschaft als die Lodges mit den bunten Wellblechdaechern und den leuchtenden Reclameschildern. Trotzdem sind wir sehr erleichtert als wir unsere Lodge in Dole beziehen. Wir duschen uns mit einem Kuebel Wasser in einem Duschzelt, das angenehm warm von der Sonne aufgeheizt ist.
Dole - Machermo. Noch immer nicht gesund - und deshalb ist auch der heutige Tag sehr anstrengend. Je weiter wir ins Gokyotal vordringen, umso unwirklicher wird die Landschaft. Die steilen Talflanken sind von Felsbrocken uebersaet. Hie und da steht ein Steinhaus umgeben von glatter Wiese und grasenden Yaks. Taleingang und Talschluss sind von weissen Bergen ueberragt (Tamserku bzw. Cho Oyu).
Wir kaempfen uns von einer Fahnenkette zur naechsten. Die Gebetsfahnen sind immer an den hoechsten Punkten des Weges zwischen Steinhaufen ausgespannt und von dort sieht man die naechste Kurve. Irgendwann kommt Machermo in Sicht und wir haben unser Tagesziel erreicht. Wir beziehen das groesste Hotel, das sich dann im Laufe des Abend ziemlich mit Gaesten fuellt. Dafuer wird der runde Ofen in der Mitte des Aufenthaltsraums ordentlich geheizt. Diese Oefen gibt es in den meistens Lodges. Sie werden bis oben mit Yakmist angefuellt, der mit Benzin angezuendet wird und dann langsam abbrennt. Auch der Muell wird verheizt - egal welcher Sorte: Papier, Plastik, Metallfolien.
Am Abend kostet es Ueberwindung ins ungeheizte Zimmer zu gehen, vor allem jetzt, wo es begonnen hat zu schneien.
Machermo - Gokyo. Wir sind die ersten, die in der Frueh aufbrechen, und haben daher einen wunderbar einsamen Weg vor uns. Der Weg fuehrt uns immer naeher dem Fluss, der vorher tief im Tal lag, und bald klettern wir parallel bergauf bis wir die Talsohle erreichen. Hier liegt der erste der fuenf Gokyoseen (Longponga Tso), eine kleine, blaugruene Lacke. Wir rasten eine Weile an seinem Ufer und beobachten ein oranges Entenpaar, das nach Algen gruendelt. Das Wetter ist einfach traumhaft und die Sonne waermt richtig - es ist schwer zu glauben, dass wir hier auf 4700 m sind.
Der zweite See (Taoche Tso) ist viel groesser als der erste und zur Haelfte zugefroren. Am dritten See (Dudh Pokhari) liegt Gokyo. Hier bleiben wir fuer zwei Tage und geniessen dieses Paradies.
Gokyo Ri (5483m). Der Gokyo Ri ist der Hausberg von Gokyo und von seinem Gipfel sieht man den Mount Everest. Wie kann man sich so einen Fuenftausender in den Himalayas vorstellen?
Eigentlich schaut der Gokyo Ri nicht viel eindrucksvoller aus als ein Maulwurfshuegel, einfach weil er einen runden Ruecken hat und von der richtigen Seite erklommen keine Schwierigkeiten bereitet. Aber der Respekt vor den Bergen will immer bewahrt bleiben.
Wir starten in einen beinahe wolkenlosen Morgen. Der Boden ist gefroren und die ruhenden Yaks sind mit einer Schicht Rauhreif ueberzogen. Nach zwei Stunden stehen wir am Gipfel und ich will erst gar nicht versuchen, die Aussicht von dort zu beschreiben - oder vielleicht doch. Unter uns funkeln die drei Seen und ein riesiger, grauer Gletscher windet sich entlang des ganzen Tales. Auf allen Seiten sind wir von maechtigen Gipfeln umgeben, Cho Oyu, Changri, Nuptse, Thamserku, Sagarmatha und viele mehr. Die bunten Gebetsfahnen stehen in starkem Kontrast zu dem strahlenden Weiss.
Wie verbringen zwei Stunden am Gipfel auf einem Felsblock in der Sonne und fuettern kleine Bergfinken mit abgelaufenen Keksen. Ploetzlich laesst Shahar den Fotoapparat fallen und als ich runter klettern will, ihn zu holen, fall ich gleich hinter her. So hab ich mir mein 'botanisches Bein' geholt, denn nachdem es blau war, faerbte es sich fuer lange Zeit gruen.
Gokyo - Dragnak. Wir stehen dank Bauchweh und Hoehenkrankheit noch immer etwas wacklig auf den Beinen, aber nach einigem Hin und Her enscheiden wir uns doch, den 5368 m hohen Cho La Pass zu machen. Dragnak ist der Ausgangspunkt und bis dorthin sind es nur zwei Stunden von Gokyo. Deshalb wandern wir vorher noch zum vierten See (Thonak Tso), der noch vollstaendig zugefroren ist. Der Weg nach Dragnak fuehrt zuerst entlang der Seitenmoraene des Ngozuba Gletschers, dessen Eismassen vom Cho Oyu kommen, und dann ueberquert er die Gletscherzunge. Der Pfad ist meistens steinig und felsig, doch auf einmal kommen wir zu Duenen aus weissem Sand mit schwarzem, glitzernden Kristallstaub darauf. An steilen Abbruechen wird schmutziggraues Eis sichtbar, das zu kleinen Seen schmilzt. Immer wieder hoert man das Donnern von Steinen, die in diese Seen stuerzen. Der Gletscher lebt.
Dragnak - Duglha ueber den Cho La. Der Weg ueber den Cho La Pass ist zwar mit Steinmanderln markiert, aber trotzdem nicht einfach zu finden. Deshalb starten wir in der Frueh gemeinsam mit ca. 10 anderen Touristen und ihren Traegern. Zuerst fuehrt der Weg in einem Tal bergauf, erklimmt Stufe und Stufe von felsigem Gelaende bis wir auf einer Anhoehe vor dem Pass stehen. Alles was wir von dieser Entfernung erkennen koennen sind unueberwindbar scheinende steile Felsen und Eis. Doch bis wir dorthin kommen, muessen wir durch eine Grobblockhalde von einem Felsen zum naechsten klettern, staendig Ausschau haltend nach ein paar aufgehaeuften Markierungssteinen. Erst danach kommt der eigenliche Aufstieg, unglaublich steil und rutschig von Eis und Neuschnee. Auf den Stellen, wo man nicht alle Viere braucht, uebe ich den 'Resting Step', d.h. das Gewicht bleibt fuer ein paar Sekunden auf dem Ausgangsfuss, bevor es auf den neuen Fuss verlagert und hochgestemmt wird. Das ist zwar eine zeitraubende Prozedur, dafuer komme ich aber kaum ausser Atem. Nur auf dem letzten Stueck, wo Fusstapfen im Schnee vorgegeben sind, muss ich alle fuenf Schritte stehenbleiben und nach Luft ringen. Und endlich bin ich oben auf einer glatten Schneeflaeche, aus der ein paar Steine herausragen. Die Sonne hat an einer Stelle ein Loch hineingebrannt, wo jetzt eine eisige Lacke ist, von schmelzenden Eiszapfen gespeist.
Wir kommen aus einem braunen, einsamen Tal, in dem sich ein Fluesschen windet. An seinem Ende liegen weisse Berge, die in Wolken gehuellt sind. Auf der anderen Seite ist die Aussicht von einer weissblauen Gletscherwand und steilen Bergflanken begrenzt. Wir setzen unseren Weg in diese Richtung fort und nachdem wir eine weitere Grobblockhalde ueberwunden haben, oeffnet sich auf einmal das Tal unter uns. Wir sehen einem braunen Faden gleich den sandigen Weg bis nach Dzonglha. Die Schnelleren aus unserer Gruppe sind jetzt nur mehr ein paar bunte Tupfer. In Dzonglha holen wir sie wieder ein. Doch die Lodge ist zu teuer und wir gehen weiter nach Duglha. Wir wandern fast immer auf der gleichen Hoehe um einen Berg herum, der mit ein paar Straeuchern und Gras bewachsen ist. Im Tal unter uns liegt ein 'Seasonal Lake', der jetzt nur eine graue, schlammige Ebene ist. Die Wasserlinie, die waehrend des Monsuns erreicht wird, ist deutlich an der Farbe der Steine und der Vegetation erkennbar. Immer wieder kommen wir an einer Herde brauner, grauer und gefleckter Yaks vorbei. Der Weg wird immer schmaeler und schmaeler bis Hufabdruecke von Yaks die einzig sichtbaren Spuren sind. Wir machen uns langsam Sorgen, wo uns dieser Yakpfad hinfuehrt, bis wir nach zwei Schokoladenpausen und einer kleinen Ewigkeit endlich nach Duglha kommen.
Die Yak Lodge in Duglha ist kein Schloss: Der Fussboden im Zimmer ist zur Haelfte aus trockenen Rasenziegeln. Das Klo ist im Hinterhof, wo Yakmist und -felle getrocknet werden und Yaks ueber Nacht angeleint werden. Und im Aufenthaltsraum seh ich fluechtig eine Riesenratte, die Unterschlupf hinter den Sitzpolstern sucht. Aber wir sind heilfroh, nach diesem anstrengenden Tag hier angelangt zu sein. Den ganzen Abend verbringen wir so nah am yakmistbefeuerten Ofen, dass wir fast unsere Fleecejacken schmelzen. Ein alter Litauer, der vorher nur schweigsam herumgesessen ist, packt ploetzlich sein Saxophon aus und spielt ein paar Stuecke. Es klingt zwar nicht weltberuehmt, ist aber nach wochenlangen Entbehrungen (an westlicher Musik) trotzdem ein Genuss. Auch die Nepalesen, die mit uns um den Ofen sitzen, haben einen Mordsspass an der Sache. So geht einer der schoensten und eindrucksvollsten Tage unserer Wanderung stimmungsvoll zu Ende.
Duglha - Lobuche. Auf, auf! Der Everest ruft! Aber was uns wirklich so zur Eile antreibt ist das Verlangen nach einer richtigen Dusche, die es hoffentlich in Lobuche gibt. Doch Lobuche ist viel primitiver, als ich es mir vorgestellt habe - obwohl es auf dem meistfrequentierten Trek im Sagarmatha NP liegt! Also muessen wir mit einem Duschzelt und einem Kuebel Wasser vorlieb nehmen, trotzdem ein Traum nach immerhin sechs Tagen ohne Dusche (brrr!).
Lobuche - Gorak Shep und Kalapattar (5650). Dieses Tal, das wir langsam aufwaertswandern, erinnert sehr ans Gokyotal. Auch hier begleitet uns staendig ein von seiner Seitenmoraene verborgener Gletscher. Der Talschluss wird hier von der Moraene eines seitlich einmuendenden Gletschers gebildet, hinter dem Gorak Shep liegt. Die Ueberquerung des Gletschers ist alles andere als ein gemuetlicher Spaziergang. Staendig geht es bergauf und bergab, loses Geroell erschwert das Gehen und manchmal gilt es grosse Felsen zu ueberwinden. Aber auch dieser Gletscher ist ein faszinierendes Ungetuem. An einer Stelle kommt ein breiter Fluss aus dem Nichts und fuellt ein kleines Tal mit seinem Donnern. Auf den Gesteinsmassen, die der Gletscher geschuerft und aufgetuermt hat, sind wir unscheinbare Ameisen, die sich muehsam forwaertsbewegen.
In Gorak Shep essen wir ein zweites Fruehstueck, schmeissen die Rucksaecke in unser Zimmer und machen uns an den Aufstieg des Kalapattar, des 'Aussichtsberges' fuer den Mount Everest. Der Aufstieg ist anstrengend und zermuerbend. Es gibt einfach nicht genug Sauerstoff zum Atmen. Auf halbem Weg werden wir von einem Nepalesen in Badeschlapfen ueberholt. Aber gut, nepalesische Traeger gehen auch mit Badeschlapfen zum Everest Base Camp - wenn nicht sogar barfuss.
Vom Gipfel des Kalapattar auf einem Felsen kauernd sehe ich den Mount Everest und seine maechtigen Nachbarn. Der Gipfel des Everest ist von diesem Blickwinkel aus eine felsige Pyramide fast ohne Schnee, scheinbar ueberragt von dem eindrucksvollen, vergletscherten Nuptse. Alle Berge rundherum sind weisse Riesen, ganz offensichtlich Sitz der Goetter, denn welcher Thron ist schoener und erhabender als der Himalaya?
Die Taeler sind angefuellt mit rissigen, grauen Gletschern. Und auf einem dieser Gletscher leuchten die winzigen Zelte des Everest BC. Dort wollen wir morgen hingehen.
Gorak Shep - Everest BC - Duglha. Von Gorak Shep zum Everest BC sind es drei muehsame Stunden auf Gletschergeroell. Der Weg windet sich um unendlich viele Hindernisse, die der Gletscher in den Weg legt, fuehrt auf und ab, hin und her, vor und zurueck. Dann erreicht man die Zeltstadt des Basislagers, die zur Zeit ca. 35 Expetitionen aus aller Herren Laender beherbergt. Das Lager ist scheinbar chaotisch aufgebaut, mit Zelten die kreuz und quer herumstehen, meistens auf einem Sockel auf Eis, weil der Gletscher rundherum weggeschmolzen ist. Der Gletscher schmilzt die ganze Zeit. Es liegt ein Troepfeln und Rieseln in der Luft, ein paar Steinchen rutschen, ein groesserer rollt. Von fern hoert man das Donnern der Fels- und Eisstuecke, die in die Gletscherseen fallen. Ploetzlich werden diese Geraeusche von einem viel lauteren ueberdeckt: ueberhaengende Eismassen haben sich von einem Berghang geloest und stuerzen nun als donnernde Lawine ins Tal.
Die Expetitionszelte einer Nation sind meist um eine kleine Stupa mit der Nationalflagge darauf gruppiert. Vom Zentrum sind lange Leinen mit Gebetsfahnen gespannt.
Wir suchen uns einen Weg in die Zeltstadt hinein, stolpern ueber Schnuere, geraten in Sackgassen, weichen kleinen Fluesschen aus, bis wir vor dem Internetzelt stehen. Das www kostet hier 1 US$ pro Minute und wir leisten uns den Spass, vom Everest BC eine Botschaft nach Hause zu schicken.
Heute ist der 18. Mai und das Basislager ist fast leer, weil fuer den 21. gutes Wetter angesagt ist und die Climbers in der Hoffnung aufgestiegen sind, endlich auf den Gipfel zu kommen. Das Wetter war den ganzen Mai ueber zu schlecht, um einen ernsthaften Versuch zu wagen. So kann die Warterei ganz schoen zermuerbend werden, denn alles was die Leute hier tun koennen, ist essen, lesen, schlafen und manchmal zu einem der hoeheren Camps aufsteigen.
Wir verabschieden uns nach einer Stunde vom Endpunkt unserer Wanderung. Nun tritt der 'Evakuierungsplan' in Kraft, der uns so schnell wie moeglich aus den Bergen zurueck in die Zivilisation bringen soll. Das klingt im ersten Moment vielleicht unverstaendlich - wir haben so viel Anstrengung und Zeit investiert, um hierher zu kommen, und jetzt wollen wir so schnell wir moeglich weg. Ich bin mir auch nicht wirklich sicher, was der Grund ist, aber wir ich glaube wir haben einfach genug vom taeglichen Rhytmus, frueh aufstehen, zusammenpacken, gehen und schwitzen, rasten, weitergehen, eine Lodge suchen, um den Preis feilschen, Dal Bhat zum Abendessen, auspacken, frueh schlafen gehen. Die grosse Hoehe, in der wir uns befinden, spielt sicher auch eine Rolle. Sauerstoffdefizit akkumuliert sich und macht muede und antriebslos. Dazu kommt, dass das Essen meistens fast ungeniessbar ist, es gibt keine Duschen und die Klos sind nur ein Haufen Scheisse. Wie auch immer - wir freuen uns auf die Schokoladentorte in der Weizenbakery in Kathmandu, auf warme Sommerabende am Balkon des California Hotels und die dort zurueckgelassenen Buecher.
Am Abend erreichen wir in leichtem Schneefall die schon beschriebene Yaklodge in Duglha.
Duglha - Tengboche. Ueber Nacht ist alles weiss geworden und wir sind die ersten, die zoegernde Fusspuren auf der rutschigen Holzbruecke im Tal hinterlassen. Uebermuetig und froehlich wandern wir bergab. Ein paar mit grossen Holzplatten beladene Porter kommen uns entgegen. Sie haben den schwereren Weg. Manchmal zwingen uns Yakkarawanen zum Ausweichen. Die massigen Tiere mit den geschwungenen spitzen Hoernern haben auf jeden Fall Vorrang.
Je tiefer wir ins Tal kommen, umso hoeher werden die Pflanzen, bis wir im vertrauten Rhododendronwald mit Birken und Foehren sind. In diesem Wald liegt auch Tengboche auf einem Bergruecken. Von unserem Zimmer aus haben wir einen wundervollen Ausblick auf das bewaldete Tal und den Weg von morgen.
Tengboche - Benkar. Heute sind ueberall entlang des Weges Soldaten postiert, wie sich herausstellt fuer den Everest Marathon, der heute stattfindet. Die Marathon Strecke beginnt am Everest BC bei den Kumbu Eisfaellen und endet in Namche Bazar. Wir haben fuer diese Strecke zwei Tage gebraucht, waehrend ein schneller Laeufer so um die dreieinhalb Stunden braucht.
Wir erreichen Namche Bazar gerade zur richtigen Zeit und gesellen uns zur angespannt wartenden Menge an der Ziellinie. Eine Gruppe Schulkinder in englischer Schuluniform wird zum Singen aufgestellt. Aber vorerst droehnt noch die uebliche Volksmusik aus den Lautsprechern. Wir sehen ein paar bekannte Gesichter von den letzten Tagen. Sogar unser Saxophonist aus Litauen ist da. Er ist wirklich eine komische Gestalt als er wie verrueckt sein Saxophon zu spielen beginnt. Doch seine Musik geht in einem ploetzlichen Aufschrei der Menge unter: Das weisse T-Shirt des ersten Laeufers ist am Huegel ueber dem Ort aufgetaucht. Mit Hochrufen wird der Sieger, ein kleiner, unscheinbarer Nepalese, empfangen. Er wird sofort auf einen Sessel gedrueckt und mit Gebetsschals ueberhaeuft. Es dauert nicht lange bis das naechste weisse T-Shirt auftaucht und das naechste. Alle Laeufer werden mit dem gleichen Enthusiasmus empfangen. Die Leute sind gluecklich und stolz, denn diese Sieger verlaengern die Liste der Helden Nepals.
Benkar - Puiyan. Die Entscheidung, ob wir von Lukla nach Jiri fliegen oder zu Fuss zurueckgehen, hat sich von alleine geloest. Es gibt keinen Helikopter nach Jiri mehr (weil er vor zwei Jahren von frustrierten Traegern, denen die Arbeit durch die Fluggesellschaft weggenommen worden war, angezuendet wurde). Also bleibt uns nichts anderes uebrig, als auf dem bekannten Hoellenweg zurueckzugehen.
Puiyan - Nuntala - Junbesi - Kenja - Shivalaya (-Jiri mit dem Bus). Jedesmal wenn ich ein paar hundert Hoehenmeter bergabgehe, kann ich mir nicht vorstellen, dieses steile, lange Stueck jemals bergauf gegangen zu sein. Und umgekehrt erinnere ich mich jedesmal an den Gedanken, dass ich hier niemals wuerde bergauf gehen wollen. Aber genau das passiert gerade. Ich gehe schon seit eineinhalb Stunden bergauf. Der Weg fuehrt durch einen duesteren Wald. Die Luft ist mit Feuchtigkeit gesaettigt und die einzigen Geraeusche sind das laute Zirpen der Zikaden und hie und da ein schrilles Streitgespraech zwischen zwei Voegeln. Meine Gedanken verlieren sich im Nirgendwo, aber trotzdem kommen sie immer wieder auf den gleichen Punkt zurueck: Wie lange noch?
Dann kommen wir an ein einem Bauernhaus vorbei und ich werde von ein paar Kindern in rettungslos verdreckten Kleidern aus meinem Gedankenkreislauf gerissen: 'Have a pen?' oder 'Its-schoolpen?' Ihre Aufdringlichkeit aergert mich, schweissgebadet und erschoepft wie ich bin.
Ein anderes Mal jedoch kommen wir an ein paar Kindern vorbei, die in einem Baum sitzen und unsichtbare Fruechte essen. Sie kommen zu uns herunter und tauschen mit uns Beeren gegen Zuckerl. Ein Bub mit fehlender rechter Hand denkt sich noch etwas Besseres aus. Er folgt uns bis wir nach einiger Zeit im Schatten eines Hauses fuer eine Weile rasten. In der Zwischenzeit pflueckt er sein ganzes Leiberl voll mit orangen, suessen Rubusbeeren in der Gewissheit sichere Abnehmer zu haben. Als wir ihm dann Zuckerl zum Tausch anbieten wollen, teilt er uns mit: 'No sweet. Rupies!' Wir verhandeln den Preis bis beide Seiten zufrieden sind und verabschieden uns mit einem Lachen.
So sind diese fuenf Tage mit groesseren und kleineren Abenteuern vorruebergegangen. Am letzten Tag erreichten wir Shivalaya schweissgebadet, nachdem wir das Hupen des Buses schon von hoch oben am Berg gehoert hatten. Wir rannten wie die Verrueckten ins Tal, denn um alles in der Welt wollten wir diesen Bus erwischen und uns somit eine Tagesetappe ersparen. Die Busfahrt war die verrueckteste, die man sich vorstellen kann. Die Strasse ist manchmal ein Morast mit einem halben Meter tiefen Spurrillen, dann besteht sie aus Felsbrocken, die den Bus springen lassen wie ein bockendes Pferd. Wir mussten eine Furt durchqueren und dafuer wurde der Bus vorher mit Sand beladen und die Luft aus den Reifen gelassen. Oft neigte sich der Bus so stark zur Seite, dass ich jeden Augenblick glaubte, er wuerde sofort umfallen. Eine Viertelstunde von Jiri entfernt verlor ein Rad eine Schraube. Also packten wir unsere Rucksaecke und wanderten die letzten Schritte nach Jiri.


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